Anlagestrategien, die ESG-Kriterien einbeziehen, wurden in letzter Zeit vor allem in den USA infrage gestellt und zynisch als «Woke Capitalism» bezeichnet. Ein Teil dieser Skepsis breitet sich auch in Europa aus. In den USA haben einige Bundesstaaten sogar «Anti-ESG»-Gesetze erlassen, die es staatlichen Pensionsfonds verbieten, Geschäfte mit Investoren zu machen, die ESG-Aspekte in ihre Finanzprodukte einbeziehen.

Die Missverständnisse über ESG-Investitionen

Leider beruht diese Entwicklung grösstenteils auf einem Missverständnis dessen, was ESG-basierte Investitionen sind und wie sie finanziellen Wert für Investoren schaffen können. Die Kritik basiert im Wesentlichen auf dem Argument, ESG-Anlagestrategien würden finanziellen Wert («value») vernichten, um politische Haltungen, soziale Werte oder moralische Prinzipien («values») zu erreichen. Das ist grundlegend falsch. Es geht bei ESG-Investitionen um die Sicherung oder Erhöhung finanzieller Werte, also beispielsweise darum, wie man unter Berücksichtigung von ESG-Kriterien das Anlagerisiko reduzieren oder Unternehmensbewertungen erhöhen kann.

Die steigende Bedeutung von ESG-Faktoren für Investoren

Veranschaulichen kann man diesen Punkt, wenn man die zwei grössten aktuellen ESG-Risiken betrachtet: Klimawandel und Verlust der Biodiversität. Die Einbeziehung beider Risiken sollte bei Investitionsentscheidungen als Teil einer finanziellen Entscheidungsfindung verstanden werden, die versucht, neue Risiken im Investitionsprozess systematisch zu berücksichtigen. In beiden Fällen ergibt sich das Risiko beispielsweise aus einer künftigen Regulierung zum Schutz des Klimas oder zur Bekämpfung des Verlusts der biologischen Vielfalt. Solche Regulierungen können zu einem starken Wertverlust betroffener Unternehmen in einem Anlageportfolio führen.

Die positive Rolle von ESG-Investitionen

Beide ESG-Themen stellen also finanziell wesentliche Anlagerisiken dar, die institutionelle Investoren, ob Banken, Asset Manager, Pensionsfonds oder Staatsfonds, im Anlageprozess berücksichtigen müssen. Bemerkenswert ist dabei, dass Investoren durch das aktive Managen dieser ESG-Risiken nicht nur finanziellen Wert schaffen können, sondern «nebenbei» auch dabei helfen, die grossen Herausforderungen unserer Zeit mit der Kraft des Kapitals zu adressieren. Diese Rolle unterscheidet sich von einer rein moralischen Beurteilung von ESG-Investitionen.

ESG-Risiken sind Anlagerisiken

Einfach ausgedrückt: ESG-Risiken sind Anlagerisiken, mit denen sich alle Investoren aus finanziellen Gründen auseinandersetzen müssen. Übrigens: Unsere Forschung zeigt klar, dass Finanzmärkte begonnen haben, diese Ideen zu verinnerlichen. ESG-Risiken, insbesondere durch den Klimawandel und den Verlust an Biodiversität, werden zunehmend in Aktienkursen eingepreist. Selbst für ESG-Skeptiker sollten die mit ESG-Faktoren verbundenen Risiken und ihr Einfluss auf Aktienkurse als Realität akzeptiert werden. In der Konsequenz gilt daher, dass auch ESG-Risiken ein angemessenes Risikomanagement erfordern.

Fazit

Politische Argumente sollten nicht die Einsicht in die Bedeutung von ESG-Risiken für Investoren untergraben. Es ist an der Zeit, ESG-Investitionen als wichtigen Bestandteil eines nachhaltigen Anlageportfolios zu akzeptieren.

Der Text basiert in Teilen auf einer Public Discussion Note für das Swiss Finance Institute: www.sfi.ch/de/publications/value-of-esg


Autor:

Prof. Dr. Zacharias Sautner
Professor für Sustainable Finance an der Universität Zürich
Senior Chair am Swiss Finance Institute

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