Der vom Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos publizierte «Global Risks Report 2024» spiegelt die aktuelle Entwicklung wider: Extreme Wetterereignisse führen die Sorgenbarometer-Rangliste der nächsten zehn Jahre an. Zu Recht. Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Klimaerhitzung werden immer grösser und weitreichender.
Die Welt braucht eine schnelle Umlenkung der Finanzflüsse in zukunftsfähige Unternehmen, die zur Lösung der Klima- und Biodiversitäts-Doppelkrise beitragen können.
Parallel und konträr dazu lässt sich ein Trend in der Finanzwelt beobachten, welcher ebenfalls Sorgen bereitet: ESG (Environmental, Social, Governance) oder nachhaltiges Investieren liegt nicht etwa nur im Trend, nein, es steckt auch in der Krise. Wie lässt sich das erklären? Die Gründe dafür sind vielschichtig.
Gründe für die ESG-Krise
Aus den USA schwappt eine hochpolitische Anti-ESG-Welle nach Europa. Die Weltmacht verfügt über die grössten bekannten Erdöl- und Gasreserven der Welt. Dementsprechend gibt es finanzkräftige Akteure, die alle erdenklichen Hebel nutzen, um eine Umlenkung der Finanzflüsse für die Transition hin zu erneuerbaren Energien und einer nachhaltigen Wirtschaft zu verhindern.
Auch Faktoren wie höhere Zinsen nach der Pandemie, Inflation, die Nachfrage nach ununterbrochener Energieversorgung in Verbindung mit den Auswirkungen des Krieges in der Ukraine spielen eine Rolle.
Hinzu kommt, dass die neuen Vorschriften zur Berichterstattung von nichtfinanziellen Risiken und Compliance zur Überforderung und Überlastung in der Branche führen. Es fehlt an gemeinsamen Standards und Transparenz. Einige Anlegerinnen und Anleger, die Wert auf nachhaltige Anlagen legen, sind verunsichert. Viele Anlegerinnen und Anleger sind sich wiederum der Wirkung ihrer Anlagen nicht bewusst oder stehen ihr gleichgültig gegenüber.
Während Impact Investment theoretisch weiterhin einen vielversprechenden Ansatz zur Lösung sozialer und ökologischer Probleme bieten könnte, hat es bisher keinen Durchbruch betreffend positive Wirkung zur Bewältigung der Klima- und Biodiversitätskrise erwirkt und steht vor erheblichen Herausforderungen.
Greenwashing-Prävention: Regulierung dringend nötig!
Notwendige Regulierungsverbesserungen werden verhindert. Als Beispiel ist die Regulierung zur Greenwashing-Prävention im Finanzmarkt zu nennen, welche im Juni 2024 vom Bundesrat abgelehnt wurde, obwohl die bestehende Selbstregulierung nicht ausreicht. Für Anlegerinnen und Anleger bleibt es damit schwierig, wirklich nachhaltige Finanzprodukte zu identifizieren.
Was muss sich an den Rahmenbedingungen ändern?
Sowohl auf internationaler wie auch nationaler Ebene braucht es Regulierungsverbesserungen. Wir brauchen mehr Transparenz und bessere Standards. Transitionspläne sollten als aufsichtsrechtliche Instrumente für das Management von klima- und biodiversitätsbezogenen Risiken anerkannt werden. Für Vermögenswerte im Zusammenhang mit fossilen Brennstoffen braucht es wiederum höhere Kapitalanforderungen. Auch eine glaubwürdige staatliche Regelung von Greenwashing, die verbindliche Mindestkriterien für nachhaltige Finanzprodukte definiert, wäre zwingend nötig.
Auf der Ebene der Anlegerinnen und Anleger brauchen wir weniger Gleichgültigkeit und mehr Engagement. Erst wenn eine Mehrheit der Anlegerinnen und Anleger sich für die Wirkung ihrer Anlagen interessiert und ihre Aktionärsrechte mit einer zeitgebundenen Eskalationsstrategie wahrnimmt, können Unternehmen dazu getrieben werden, Transitionspläne mit Klima- und Biodiversitätsschutzzielen auszuarbeiten und umzusetzen.
Autorin:
Asti Roesle ist bei der Klima-Allianz Schweiz für das Thema Finanzplatz und Klima zuständig und koordiniert unter anderem die zivilgesellschaftliche «Unsere SNB»-Koalition.
www.klima-allianz.ch
www.unsere-snb.ch
Illustrationsbild: Pcess609 – stock.adobe.com
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