Im aktuellen Kontext eines nahezu permanenten sozialen wie auch ökologischem Krisenzustandes spielt die sogenannte Marktfinanz eine äusserst problematische Rolle. Es sei von Anfang an klar in den Raum gestellt: Die «Finanz» finanziert nahezu gar nichts; sie besteht allergrösstenteils aus Geld-Recycling und Vermögensaufblähung, und neigt deshalb stark zum Parasitismus.

Auf dem «Finanzplatz» werden vorwiegend und beinahe ausschliesslich bereits existierende Finanzaktiva gegen bereits geschöpftes Geld ausgetauscht – immer wieder erneut, buchstäblich im Kreis und solange es geht. Man kann da mehr Geld machen, als wenn man Luxustaschen oder Tulpenzwiebeln kauft und wieder verkauft – aber die Grundlogik ist dieselbe. Der «Finanzplatz» ist ein Haufen gewerblicher Vermittlerinnen und Vermittler, die so tun, als ob sie durchgehend reale Wirtschaftsprojekte unterstützten.

Ums «Investieren» geht es gar nicht

Durch die vermeintlichen Anlegerinnen und Anleger fliesst den Unternehmenden keinerlei neues Geld zu, sondern es werden Titel bereits gestarteter oder vollzogener Projekte – Aktien, Obligationen, Gebäude und so weiter – auf dem Sekundärmarkt spekulativ hin und her geschoben. Das Geld, das dafür benutzt wird, wird weitgehend vom Bankensystem durch Kredite geschöpft; der «Finanzplatz» saugt es bloss nachträglich auf, verwandelt es in «Finanzprodukte» und verhindert so, dass es in Form von Gehältern oder Staatsausgaben dahin weiterfliesst, wo es dringender gebraucht wird. Doch leben Tausende von Menschen von den vielen Ausläufern dieser von Laien schwer nachvollziehbaren Beschlagnahme.

Bürgerinnen und Bürger werden dazu verleitet, zu befürchten, eine stärkere Besteuerung von «Kapitaleinkommen» würde sich negativ auf «Investitionen» auswirken, also auch auf Wirtschaftsaktivität und Arbeitsplätze. Das ist ein Trugschluss: Höhere Finanzgewinne erzeugen allenfalls höhere Dividenden und weitere Spekulation, aber praktisch nie neue Jobs. Die verschwinden im Gegenteil im Zuge der Digitalisierung (oder werden zu «bullshit jobs» herabgestuft).
Allerhöchstens würden sich die negativen Auswirkungen auf die Gewinne verschiedener Pensionskassen und anderer privater institutioneller Anleger niederschlagen – doch selbst das ist nur deswegen ein Problem, weil der Neoliberalismus seit Jahrzehnten mit Erfolg versucht, die öffentliche Finanzierung sozialer Abgaben und Renten durch die Erzeugung privater Finanzgewinne zu ersetzen.

Die Zukunft liegt anderswo

Für die reale Wirtschaftsaktivität sind Investitionen auf dem Primärmarkt und Risikokapital äusserst wichtig – aber die ausufernde Marktfinanz von heutzutage hat mit ihnen eigentlich überhaupt nichts zu tun. Deshalb sollte der Aufruf zu einer sustainable finance zuallererst damit anfangen, die richtigen Grenzen eines wirklich nachhaltigen Finanzplatzes zu zeichnen.

Die Grundlogik sollte folgende sein: Die Realwirtschaft sollte nunmehr auf dem Primärmarkt gefördert und unterstützt werden, und auch da ausschliesslich in Projekten, die den klaren Beweis bringen, dass sie dazu beitragen werden, den ökologischen Fussabdruck der Schweizer Wirtschaft dauerhaft zu reduzieren und dazu beitragen werden, soziale Probleme wie Integration, Geschlechtergleichheit, Wohnungsmangel, Verbesserung von Arbeitsbedingungen und so weiter zu lindern. Impact Investment, ausdrücklich auf die Einhaltung der planetarischen Grenzen ausgerichtet, sollte massiv wachsen, während der Sekundärmarkt so gut wie verschwindet.

Finanzieller Gewinn ist in diesem Zusammenhang nunmehr eine Restmenge. Deshalb ist es mehr als wahrscheinlich, dass eine wahre sustainable finance nur von Nonprofit- und öffentlich gesteuerten Finanzinstituten vollzogen werden kann, deren Haupttätigkeit es eben nicht ist, bloss billig zu kaufen, teuer zu verkaufen, und dabei eventuell ein bisschen weniger ökologische Schäden anzurichten.

Christian Arnsperger ist Ökonom und Professor an der Universität Lausanne. Er war mehrere Jahre lang wissenschaftlicher Berater bei der Alternativen Bank Schweiz. Er forscht in den Bereichen der sozial-ökologischen Geldtheorie, der Wachstumskritik und der ökologischen Wende.
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